Liebe Taiji Freunde/Freundinnen!
Mit diesem Rundbrief wird der Taiji Verein formal Herausgeber der TaijiRundbriefe. Das heißt die Rundbriefe werden sich weiter zu einem Medium des Informationsaustausches für die Vereinsmitglieder entwickeln. Selbstverständlich sind die Rundbriefe auch weiterhin allen Teilnehmer/innen an laufenden Kursen des Vereines oder dessen Lehrern gewidmet.
Die Lehrer/innen des Vereines werden die zukünftigen Rundbriefe mit Beiträgen gemeinsam gestalten. Aber wie immer rufe ich alle Leser/innen auf ebenfalls zu Feder zu greifen und zur Vielfalt der Rundbriefe beizutragen.
Das Jahr 2000 war für den Verein ein gutes Jahr. Die Mitgliederzahl bewegte sich schon in recht respektablen Größen. Das ist ein sehr schöner Beweis für das beständige Interesse und die Wertschätzung an der Taiji- und Qigong Praxis.
Ein ganz wesentliches Ziel des Vereines ist selbstverständlich die Weiterverbreitung von Taiji&Qigong durch die Erweiterung der Übungsangebote. Gleichzeitig soll sich so etwas wie eine Vereinsidentität unter den Mitgliedern entwickeln können. Bis jetzt beschränkt sich das in erster Linie auf die gemeinsamen Übungsaktivitäten an den jeweiligen Übungsorten.
Dazu gibt es im Vereinsvorstand folgende Überlegungen:
Es wird in diesem Jahr ganz sicher zumindest ein T-Shirt (guter Qualität) mit dem aufgedruckten Vereinslogo geben.
Beibehaltung der freien Sommerübungen.
Ein Vorschlag ist die Organisation (über)regionaler Übungsblocks für Vereinsmitglieder. Häufigkeit, Zeitumfang und Ort wurden noch nicht festgelegt. Wir werden die Interessenslage sondieren und dann in einem der Mitgliederinfos weitere Details bekanntgeben.
Natürlich möchte der Verein allen Menschen die sich für Taiji und Qigong interessieren noch mehr als bisher eine Anlaufstelle bieten. Ich kann mir gut vorstellen, daß im Zusammenhang mit der IQTÖ Tagung Ende September in Steyr und der daraus wahrscheinlich resultierenden Aufmerksamkeit für Taiji und Qigong der Verein sich gut öffentlich präsentieren können wird.
Das heißt gleichzeitig, daß eine möglichst große Zahl von Vereinsmitgliedern als Teilnehmer/innen und/oder Mithelfende dabei sein sollen. Lebendige Auskunftsgeber sind bei weitem gewichtiger als noch so schöne Hochglanzfolder.
Natürlich soll es endlich ein JiJian Taiji&Qigong Übungshandbuch geben. Das soll auch ein Beitrag zur Identitätsstiftung unter den Übenden werden. Doch dazu später noch weitere Anmerkungen.
Für alle Internetbenützer steht die Vereinshomepage http://www.taiji.at/ als weitere Informationsquelle zur Verfügung.
In den nächsten Wochen werden da neben dem aktuellen Rundbrief auch die herbstlichen Kursprojekte des Vereines zu finden sein. Es wird einige Neuigkeiten zu Übungsorten und zum Herbstkursangebot geben. Ich hoffe jetzt schon auf ganz reges Interesse.
Da mich der ganze Papier- bzw. Kopieraufwand schon ziemlich stört, bitte ich alle Leserinnen und Leser dem Verein ihre e-mail Adresse unter jijian@taiji.at bekanntzugeben.
Wir werden dann eine Mail Liste anlegen und können euch viel leichter mit Informationen aus der Taiji&Qigong Welt versorgen.
Angelika Kerschbaumer hat als fleißige Leserin einschlägiger Literatur eine Buchbesprechung zu Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens verfaßt.
Der deutsche Philosoph Prof. Dr. E. Herrigel (1884–1955) berichtet in diesem Klassiker über seine Lehrjahre in Japan, die ihn zur Meisterschaft des Bogenschießens führten.
Anfangs nahm ich das Buch nur deshalb zur Hand, weil mir Herrigels Buch "Der Zen-Weg" sehr viel gegeben hatte, doch dann las ich mit immer wachsender Begeisterung.
Im Grunde beschreibt der Autor hier auch den Weg des Taiji: von mühevollen Anfängen, bei denen man noch ganz in einengende Anschauungen und Werte, besonders sein eigenes "Ich" betreffend, verstrickt ist. Mit dem Gefühl, daß es da noch etwas "anderes" zu entdecken gibt, kämpft man sich durch Versagensängste, Stolz und andere "Schwankungen des Zumuteseins" (Herrigel S.76), bis man lernt, "es" geschehen zu lassen. Nichts zu "tun" und doch zu wirken.
Kein "Bemühen" kann uns dahin bringen, sondern nur Gelassenheit und Gleichmut – und beständiges, unermüdliches Üben der "Kunst" (bei uns Taiji) – bis die Bewegung in eine "bewegungslose Bewegung" (Herrigel S. 79) übergeht – absichtslos und ichlos – irgendwann.
Also kein Ziel anpeilen, sondern den "Weg" genießen – im Augenblick leben durch Achtsamkeit. Alles, was wir "erreichen" können, ist bereits jetzt in uns.
Dieses Buch gibt auch für Unterrichtende sehr wertvolle Hinweise. Zum Abschluß noch ein Satz für die Praxis: "Also sprechen wir nicht mehr darüber, sondern üben wir!" (Herrigel S. 65)
Der Einfluß von Qigong und Taijiquan
Das Erlernen von Taijiquan ist ein individuelles Erlebnis. Die asiatischen Kampfkünste haben mich schon immer fasziniert. Aber nicht nur die akrobatischen Fähigkeiten, wie man sie in Kung Fu-Filmen bewundern kann. Auch das Mystische und Rätselhafte, die Stille, Ruhe, Gelassenheit die ich damit verbunden habe zogen mich an.
Als richtige Leseratte war mein erster Schritt auf dem Weg mit Taijiquan und Qigong natürlich ein Taiji-Buch. Ich probierte ein halbes Jahr lang, das Geschriebene in die Tat umzusetzen – was nur sporadisch und unbefriedigenden gelang. Dann erfuhr ich, daß in Waidhofen an der Ybbs Taiji an der VHS unterrichtet wurde. Im Herbst darauf, ein halbes Jahr später, war ich Teilnehmer im Anfängerkurs – und begeistert vom Kurs und vom Kursleiter – Dr. Alois Riedler.
Nach mehr als neun Jahren kann ich mich nicht an alles erinnern, wodurch diese Begeisterung entstand. Zwei Dinge sind mir aber noch sehr genau im Gedächtnis. Einerseits dieses körperliche Wohlgefühl nach vier Stunden Training (zwei Stunden Qigong-Übungen und zwei Stunden Formenlehre). Andererseits der offensichtliche Unterschied zwischen dem Können von Dr. Riedler und meinen eigenen Fähigkeiten. Wenn sich meine Muskeln verkrampften und er mit Gelassenheit und Leichtigkeit die Übungen vor- bzw. mitübte, war ich mir manchmal nicht ganz sicher, ob er wirklich auch nur ein ganz normaler Mensch ist.
Durch die unzähligen Wiederholungen verändert sich die Ausführung der Übungen und sie werden vertrauter. Dieser Prozeß geschah bei mir langsam und unbewußt. Es hat sich aber im Laufe der Jahre ergeben, das ich mit ein paar anderen Taiji-Übenden bei Anfängerkur-sen assistierte. Ich konnte die Anfänger beobachten und die Form mehrmals "lernen". Dadurch, daß einiges bereits vertraut war, hörte ich plötzlich Dinge, die ich zuvor einfach überhört hatte (Wobei ich glaube, daß mich dieses Phänomen noch einige Zeit begleiten wird). Diese Umstände halfen mir, die Veränderungen in meiner Übungspraxis bewußter wahrzunehmen.
Martin Wurzer
K I N D E R B E W E G E N D I E W E L T - QIGONG FÜR KINDER
SYMPOSIUM 23.-25. März 2001 Bad Windsheim (bei Würzburg)
Eine Veranstaltung Organisiert von der deutschen Qigong Gesellschaft (Präsidentin ist die J. Zöller Schülerin Dr. Zuzana Sebkova-Thaller)
Die Zielgruppe für dieses sicher sehr interessante Symposium sind Qigong-Übende, Lehrer, Erzieher, interessierte Eltern und Großeltern und natürlich KINDER.
Das Programm beinhaltet ca. 60 !!!! Workshops und an die 30 Vorträge und ist mit Seminarbeschreibung und Referentensteckbriefen 7 Seiten lang. Ich kann aus Platzgründen das nicht an dieser Stelle auflisten. Die Themen klingen aber recht gut.
Das gesamte Programm liegt für Interessenten zur Einsicht bei mir bereit. Wir werden es auch auf die Homepage legen oder wer sich über e-mail meldet kann das Programm via Mail gesendet bekommen. Für ganz konkrete Interessenten habe ich einige Folder zu vergeben.
Als Ergänzung gibt es noch ein Ausbildungsseminar
Vom 23. - 25. März 2001 - während und in direktem Anschluß an das Symposium findet der 1. Teil der "Ausbildung zum Kursleiter/Kursleiterin / Lehrer/Lehrerin in Qigong mit Kindern" statt. (Insgesamt 12 Stunden, Freitag nachmittag, Samstag, Sonntag nachmittag).
Ich hoffe alle pädagogisch interessierten (Kindergärtnerinnen, Lehrer, etc.) haben brennendes Interesse sich auf die Reise zu machen und diese Veranstaltung zu besuchen. Es gibt europaweit keine vergleichbare Veranstaltung und die Teilnahme daran liefert reichliche Anregungen. Für unsere JiJian Aktivitäten wäre das eine Möglichkeit zukünftig auch Kursangebote für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.
Interessenten können sich über den Verein gemeinsam zur Reise organisieren. Bad Winsheim ist mit der Bahn erreichbar.
IQTÖ Tagung 28. – 30. September 2001 Steyr
Breites Programmangebot (Schnupperseminare; Vorträge; Vorführungen; Bücher; Informationsmaterialien u. v. a. m.) überwiegend österreichischer Taiji&Qigong Lehrender für alle Interessierten (auch ohne Vorerfahrung).
Ein Pflichttermin für alle Praktizierenden. Machen wir uns ein schönes Taiji&Qigong Fest!
Detailprogramm wird etwa ab Mai-Juni feststehen und verkündet.
Zeitaspekte für das Erlernen der Form und der Lernentwicklung
Taijiquan ist eine sogenannte Kampfkunst. Wie andere Künste auch bedarf es zu ihrer Beherrschung einer Portion Talent, aber insbesondere beharrlichen Fleißes und geduldiger Ausdauer.
In unserer schnellebigen Zeit mangelt es zwar keineswegs an Bewegungstalenten, wohl aber häufig an den speziellen Charaktereigenschaften, die das Talent erst zur Entfaltung bringen können.
Dabei ist nicht einmal gesagt, daß man diese speziellen Eigenschaften schon von vornherein besitzen müßte, aber es braucht die innere Bereitschaft, an sich und der Kunst nicht gerade ehrgeizig, aber ernsthaft und doch mit einer gewissen inneren Heiterkeit zu arbeiten.
Sowohl als Übungsleiter wie auch als Schüler habe ich bemerken können, daß eine spielerische Annäherung an das Taiji solange unproblematisch verläuft, als nur eine geringe Ahnung vom tiefgreifenden Einfluß der Übung auf die ganze Person, speziell auf den seelisch - emotionalen Bereich das Bewußtsein ergriffen hat. Abgesehen von den "Esoteriktouristen", die ohnehin von Alexander – Technik bis Zenmeditation nur aus einem geschäftigen Freizeitverhalten heraus alles und nichts machen, steigen interessierte Schüler häufiger gerade dann aus der Entwicklung des Taiji aus, wenn eine tiefgreifendere Beschäftigung mit der Kunst angegangen wurde.
Nach meinem Dafürhalten ist der Grund darin zu suchen, daß eine solche Beschäftigung mit dem Taiji ohne Veränderungen in der körperlichen, aber auch geistig - emotionalen Struktur nicht möglich ist, und das menschliche Beharrungsvermögen den Status quo als Weg des geringsten Widerstandes vorzieht.
Diese Betrachtungsweise soll keineswegs die Leute diskriminieren, die aus Gründen des Streßabbaus, des Bewegungsmangels oder aus speziellen gesundheitlichen Gründen den Weg zum Taiji finden. Für sie alle ist die Kunst wertvoll, die Anliegen sind zeitgemäß und berechtigt, und das Taiji wird auch je nach Erwartungshaltung mehr oder weniger seine Wohltaten über die Übenden ausgießen.
Wer allerdings Taiji als einen Weg zur Persönlichkeit auffaßt und von der laienhaften Beschäftigung zur Kunst fortschreiten will, muß bereit sein, sich für Veränderungen zu öffnen und sich mit dem Taiji so auseinandersetzen, daß sich ein Grad des Könnens mit ästhetischer Qualität, eben der Kunst, entwickeln kann.
Es bedarf schon fast keiner Erwähnung mehr, daß hier ein nicht zuletzt erheblicher zeitlicher Aufwand verlangt wird, der den Strömungen unseres heutigen Alltagslebens durchaus zuwider läuft, meiner Beobachtung nach aber allmählich doch immer mehr Menschen fasziniert, gerade weil sie es satt sind, den Terminen, Geld und oberflächlichen Vergnügungen nachzulaufen, und eine sinnhafte Ausrichtung des Lebens suchen, die von den religiösen Kongregationen nicht immer befriedigt werden kann.
Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang, daß der ohnehin von Umwelteinflüssen und Arbeitshast gestreßte Stadtmensch einen Großteil seiner verbleibenden Freizeit zum Erlernen einer Haltung der Muße aufwendet, wohingegen in ländlichen Bereichen die Leute die Kunst der Muße zu kennen und daher ein solches Bedürfnis weit weniger zu haben scheinen. Wer hier mehr der menschlichen Natur lebt und dem Dao näher steht, wäre einer weiteren Betrachtung sicher wert.
Die ziemlich ausholende und teilweise philosophische Betrachtung war mir wichtig, um zu zeigen, daß man sich bei der Befassung mit Taiji über eines klar sein muß: die ernsthafte Beschäftigung mit Taiji ist ein lebenslanger Weg, der Mühe und Zeit kostet, den ganzen Menschen erfaßt und verändert.
Nun kann nicht jeder, der seine Liebe zum Taiji entdeckt, ein Meister von hohen Graden werden. Das läßt unsere Einbindung und Verantwortung in der bestehenden Leistungsgesellschaft nur in seltenen Fällen zu. Wir befinden uns ja häufig schon in einem Netz von Verpflichtungen und Verantwortungen bevor die Kunst uns innerlich berührt und auf den Weg ruft, so daß unser Einsatz eine mehr oder weniger natürliche Beschränkung erfährt. Jeder muß schließlich sein Brot verdienen, und es ist meiner Meinung nach keine Lösung "auszusteigen" und sich der - meist ja selbst geschaffenen und gewollten - Verantwortung für Familie, Vermögen und Beruf zu entziehen. Darum wird das Taiji aber nicht weniger wertvoll, eher im Gegenteil, und ich finde es recht bewundernswert, wieviel Mühe und Zeit Menschen trotz aller sonstigen Dinge für die Kunst aufwenden.
In der Entwicklung des Taiji gibt es keine Abkürzungen, und der Entwicklungsverlauf ist alles andere als stetig. Man kennt das Gespräch zwischen dem Anfänger und dem Meister, der gefragt wird, wie lange es dauert die Kunst zu erlernen: "10 Jahre". " Und wenn ich besonders viel und hart übe?" " Dann dauert es 20 Jahre!"
Zweierlei wird hier deutlich. Zum einen schadet verbissener Ehrgeiz nur, weil er nicht bereit macht und öffnet, sondern einengt und unerwünschte Spannungen erzeugt. Zum anderen, das "gut Ding Weile haben will" und ein Fortschreiten von der Technik zur Kunst einen erheblichen Zeitraum benötigt (wie übrigens bei anderen Künsten oder der Meisterschaft in einer sonstigen Beschäftigung auch).
Gibt es keinen kurzen Weg im Taiji, so ist das andere, daß man keineswegs einen beständigen Fortschritt erwarten und wirklich antreffen kann. Häufig scheint die Entwicklung zu stagnieren oder stagniert wirklich, scheint sich manchmal gar rückläufig abzuspielen, so daß Frustrationen nicht eben selten sind, aber zur Entwicklung geradezu dazugehören. Vorausgesetzt man bewegt sich auf dem technisch richtigen Gleis, findet an dieser Wegkreuzung das "Schleifen des Eisenbarrens zur feinen Nähnadel" statt. Es ist eben ein Nadelöhr, das nicht unbedingt im ersten Anlauf überwunden werden kann. Es bedarf der Suche nach ihm, dem Erforschen der Methode und der beharrlichen und geduldigen Übung bis das Einfädeln gelingt. Das geschieht meist ziemlich plötzlich und überraschend. Ist die Arbeit geleistet, scheint es auf einmal wie von selbst zu gehen. Und dieser Prozeß wiederholt sich auf jeder Stufe und bei der Integration jedes Merkmals erneut.
Es ist, als würde der Lehrer oder Meister im Unterricht ein Paket öffnen, in dem sich viele nützliche und hübsche Dinge befinden. Man kann gar nicht alles erfassen und für sich behalten; also wählt man aus, was gerade jetzt wichtig und passend erscheint. So gelangt man nach und nach zu einer Form des Gongfu (durch Mühe und Zeiteinsatz Erworbenes).
Dabei spielt es letztlich keine Rolle über welchen Stil des Taiji man den Weg beschreitet. Das ist wie bei einem Haus mit mehreren Eingangstüren. Egal von welcher Seite man das Haus betreten will, man muß in jedem Fall den Weg zur Tür suchen, sie aufschließen und durchschreiten.
Auch dieses Bild führt uns zu der Überlegung, daß es offenbar einer beständigen Übung bedarf, um sich dem Haus überhaupt zu nähern. Das gilt sowohl für den, der "nur" das Haus überhaupt erreichen will, wie für denjenigen, der den in der Mitte gelegenen Wohnzimmertresor öffnen will.
Anspruch und Übungszeit stehen hier in einem, wenn auch nicht unbedingt reziproken Verhältnis. Der einzig legitim erreichbare Zeitvorteil im Taiji besteht darin, sich einen Lehrer zu suchen, der einem hilft, auf dem Übungsweg schwerwiegendere Irrtümer zu vermeiden. Das kann sicherlich ein allgemein anerkannter pädagogisch begabter Meister bieten; der aber ist für viele nicht zu bekommen und zumindest in den unteren Lernstufen auch nicht zwingend erforderlich.
Kann ein Meister uns auch vor unnützer Zeitvergeudung weitgehend bewahren, so gelten die natürlichen Entwicklungsgesetze ebenso für ihn, und er kann einem nur lässig übenden Schüler nicht kraft seiner fachlicher Autorität zu Können und Fortschritt verhelfen. Vielmehr besteht seine erzieherische Aufgabe darin, zu erkennen, wann welcher Schüler eine Hilfestellung braucht und wann der Reifeprozeß in der normalen Entwicklung abgewartet werden muß.
Der Chen- Stil Meister Feng Zhiqiang sagte in diesem Zusammenhang: "Man kann den Weizen nicht zum Wachstum zwingen, indem man ihn nach oben zieht (Menzius). Oder, um ein anderes Beispiel zu gebrauchen, kann man nicht erwarten, daß ein Baby läuft, bevor es noch zu Stehen gelernt hat. Man muß Schritt für Schritt vorgehen. Das klingt, als sei es langsam, tatsächlich aber ist es der effektivste Weg.... (T'ai Chi Vol. 24, Nr.3, Juni 2000, S.21 )
Kommen wir nun zu der für den Schüler wichtigsten Aufgabe, nämlich die Übung in sein tägliches Leben zu integrieren.
Wir sprachen schon vom menschlichen Beharrungsvermögen und es bedarf zumindest anfangs in der Tat sehr wohl häufiger der Überwindung des "inneren Schweinehundes", den löblichen Übungsvorsatz nun auch in die Tat umzusetzen.
Zugegeben bin ich mit Blick auf meine Dienstzeiten nicht gerade ein typisches Beispiel und anderen gegenüber deutlich im Vorteil, aber ich bin überzeugt, daß jeder innerhalb oder außerhalb seines Arbeitstages Freiräume hat und nutzen kann. Die Schwierigkeit besteht eher darin, solche Zeiten zu erkennen und sich als Freiraum auch zu erobern. Letzteres ist nicht gerade selten ein soziales Problem. Wer ledig und nur sich selbst verantwortlich ist, muß "nur" seine mehr oder weniger große Trägheit überwinden. Im Umfeld einer Familie aber, in der Frau (Mann) und Kind(er) berechtigte Ansprüche stellen, sind diese nicht eben immer leicht davon zu überzeugen, daß man gerade jetzt Zeit für sich braucht. Für einen toleranten Partner sollte man daher recht dankbar sein. Hat sich das Umfeld aber erst daran gewöhnt, daß Taiji wie Essen und Schlafen zu Dir gehört, wird es auch meistens akzeptiert, manchmal gar für die eigene Person übernommen.
Wieviel muß oder soll ich nun außerhalb des Unterrichts üben?
"So oft und so viel wie möglich" oder "mindestens 10 Minuten" und ähnliche Angaben sind jedem bekannt. Zheng Manqin meint in seinem Buch " 13 Kapitel zu T'ai Chi Ch'uan" er wäre mit 8 Minuten Form am Morgen und Abend ausgekommen.
Aber es fehlt der aus dem nämlichen Buch zu entnehmende Halbsatz: .. nachdem ich 7 Jahre ausschließlich und knochenhart bei einem der größten Taiji Meister des letzten Jahrhunderts ( Yang Chen Fu ) gelernt habe und genau weiß, wie ich meine Form innerlich und äußerlich zu üben habe.
Nun sind wir aber nicht alle solche Vorzugsschüler und man rechne doch nach, wie viele Wochenendworkshops man bewältigen müßte, um allein vom Zeitaufwand her einem solchen Fulltimetraining nahezukommen.
Geradezu lachhaft sind auch die Übungsanweisungen in diversen Büchern. Dort gibt es Kapitel zur Grundlagenarbeit, zur Dehnung und Beweglichkeit, zum Qigong, zu Standübungen (Zhan Zhuang) zur Meditation und zu einer mehr oder weniger langen Form. Gleichzeitig erfolgt der Hinweis mit Ausdauer werde man auch bei nur 30 Minuten Übung irgendwann zum Meister der Kunst.
Selbst wenn ich neben der Form nur eine Übung aus jedem Kapitel wählte, wären 60 oder gar 90 Minuten schnell vorbei und dabei haben wir an Partnertraining, schnelle Form und Waffenformen noch gar nicht gedacht.
Sicher kann man einwenden, man dürfe sich eben immer nur mit ein oder zwei Übungen intensiv beschäftigen. Um ganz bestimmte Qualitäten zu entwickeln, ist das auch ein recht guter Weg, aber für meinen Geschmack fehlt der Übung " Kopf und Schwanz" und sie kann auch die für uns Durchschnittsbürger so wichtige Entspannung wohl kaum leisten.
Die Form dagegen ist schon a priori so konzipiert, daß sie den ganzen Menschen mit Körper und bewußter Aufmerksamkeit fordert, und gerade darüber alle ihre positiven Wirkungen in und während der Übung entfaltet.
Daher ist die Formarbeit (soweit man die Form halt schon kennt) für mich die wichtigste, allerdings auch unbedingt notwendige tägliche Übung.
Greift man dann noch einige Figuren zur besonderen Übung heraus, ist dies Zhan Zhuang, Qigong, Dehnung usw. genug und der Zeitrahmen meist vollständig ausgefüllt. Übt man eine vollständige lange Form, erreicht man bei einem konzentrierten Durchgang denselben Effekt. Ich möchte nochmals betonen, daß die alltägliche Regelmäßigkeit für eine überhaupt meßbare Wirkung besonderes Augenmerk verlangt, wie lang immer auch die individuelle Übungszeit nun dauern mag.
Strebt man eine größere Perfektion der Form oder deren Anwendung in der Partnerübung oder im freien Spiel an, sollte man ehrlicherweise klar sagen, daß dann die Übungszeiten wesentlich länger und häufiger sein müssen, ebenso wie die professionelle Beschäftigung eines Musikers oder Malers mit seiner Kunst in keinem Vergleich zum Aufwand eines Liebhabers oder Hobbykünstlers steht.
Da gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Viel Spaß beim Üben! A.R.